Dresden bei Nackt
Ich bin Robby Knüppel und ihr kennt mich nicht. Dabei solltet ihr das. Also, mich kennen. Wie man anhand des „Moin“ heraus hören kann, komme ich aus dem Norden oder gebe zumindest vor, von dorther zu kommen. Wichtiger aber als die Frage, woher ich komme, ist die Frage, wohin ich für euch gehe bzw. in diesem Fall ging.

Für Euch bin ich als rasender Eumel zwischen Alpenrand und Waterkant, zwischen Oder-Neiße-Grenze und irgendwo im westlichsten Teil der Republik unterwegs, der sich vorzugsweise noch auf „Grenze“ reimt. Aber der einzige Reim, der mir dazu in den Sinn kommt, hat nichts mit Ortschaften, dafür umso mehr mit unserem eigentlichen Thema zu tun. Dieses Mal war ich für Euch im Osten, im altehrwürdigen Dresden. Und ich muss neidlos anerkennen: Dresden wirkt wie eine überdimensionierte, Stein gewordene Photoshop-Produktbroschüre. Man nennt es ja auch nicht von ungefähr das Elbflorenz.
Nur die Semperoper wirkt in der bekannten Bier-Werbung sauberer als das Original. Vermutlich ein marketing-strategischer Schachzug, den Effekt des Schönsaufens in die Werbung einfließen zu lassen. Etwas, was ich an diesem Abend garantiert nicht würde tun müssen. Dieser Freitag, der 13. würde ein einziger Glücksfall sein. Die achte MyDirtyNight stand an. Aber ich hatte noch mehr als genug Zeit. Und um diese zu überbrücken, streifte ich weiter durch die Altstadt. „Aaahs“ und „Ooohs“ und „WOWWWs“ als meine ständigen Begleiter, während die Konzentration allmählich nachließ. Denn ganz offensichtlich waren meine Gedankengänge schon von dem bevorstehenden Ereignis kontaminiert. Vor der Semperoper fantasierte ich von aufreizenden O-Per-Mädchen, und auch die Frauenkirche blieb im Hinblick auf ihren Namen eine Menge schuldig. Wen wundert’s, dass mich auch das Grüne Gewölbe, die Rüstkammer und der Zwinger nicht zurück zu klaren, strukturierten Gedanken führten?
Schließlich, endlich, rief sie mich, die MyDirtyNight! Und ihr Ruf war laut und einvernehmlich. Als ich gegen 18:00 Uhr eintraf, waren bereits zahlreiche User und Amateure vor Ort. Hierhin hatte uns das Versprechen eines sexuellen Reichtums gelockt. Fast so wie in jüngerer Vergangenheit ein anderes Versprechen lockte und damit einen wahren (Gold)Rausch auslöste. Keine Frage, Dresden war an diesem Abend das El Dorado der Sex-Community. Und wo anfänglich noch Zurückhaltung herrschte, wurde Letztere ganz schnell herausgesiebt. An ihre Stelle trat ein freizügiges Gelage, quasi das Sodom zu Deinem Gomorrha: „my“ bzw. „your dirty hobby“ halt! Die erfahrenen „Sweetassangel“, „MonisWorld“ und ihre zarte Begleitung ließen sich nicht lange bitten. Die ersten Fummeleien waren im Gange und wurden kurzerhand einen Stock höher verlegt. Sexy-Juliana wusste schon von fünf Drehs zu erzählen, da war die Party noch fast jungfräulich (auch wenn das nur im übertragenen Sinne gilt), DominablackDiamoond richtete es sich im Rittersaal fast schon häuslich ein und wer noch nicht genau wusste, wann wo was mit wem wieso weshalb warum passieren sollte, der nahm die elf unterschiedlichen Themenzimmer noch mal ganz genau in Augenschein. Lichtverhältnisse prüfen, Winkel erfassen – alles, um besser einschätzen zu können, wann wo was mit wem weshalb usw., usw. So erstreckte sich die Party zwischen dem Erdgeschoss und dem zweiten Stock – mal hinter verschlossenen Türen, dann wieder mit regem Publikumsverkehr (nicht falsch verstehen) – und je länger die Party ging, desto länger, kürzer, länger, kürzer… wurden auch die Schwellkörper. In jeder Hinsicht ein ständiges Auf und Ab. Konstant angeglichen wurde nur die Atmung. Die stoßweise Atmung – eigentlich eher den Akteuren vor der Kamera vorbehalten – griff zunehmend auch auf die „Passiv-Sexler“ über.

Kurzum: es war das Sexvana! Ein Ort der Begegnung, an dem Iron Maiden- und Judas Priest-Shirt tragende Metall-Freaks mehr bangen durften als nur ihre Köpfe! Ein Idyll für Schrauber und Bastler, die hier zu ihrem ganz anderen, vermutlich lang ersehnten Dreh kamen. Ein Mekka für endlich einmal willkommene Voyeure. Abgerundet wurde die illustre Runde vom mit dieser Branche zu Unrecht nie in Verbindung gebrachten Intellekt, der nicht nur in Form von Schriftstellern & Konsorten Einzug hielt (und dessen Eigentümer sich im Übrigen wie alle Anderen auszogen). Und, um das glückselige Treiben perfekt zu machen, fiel man irgendwann – Stunden später – aus diesem anderen Raum-Sex-Kontinuum heraus. Wieder inmitten des Partyraumes, wo die Original-Atzen „Korky One“ und „Eisman“ die EM-Version zu deren Hit „Hier geht’s ab“ zum Besten gaben. Gern wäre ich noch ein wenig länger an diesem Ort geblieben, aber mein guter alter Freund, Kollege „Vorhang der gestrigen Nacht“ klopfte mehrfach an, da es ja nun an der Zeit für ihn wäre.
Zwar konnte ich noch mehrere Zugaben erwirken, aber irgendwann ließ er sich nicht mehr abwimmeln. Licht ins Dunkel brachte erst wieder der Sonneneinfall, indem er am nächsten Morgen durch die Vorhänge des Hotelzimmers fiel. Immerhin: es war das eigene Hotelzimmer! Oder sollte ich sagen „Leider war es das eigene Hotelzimmer.“? Hieße die Kolumne „Schemenhafte Erinnerungsfetzen“ könnte ich an dieser Stelle den Stift niederlegen, aber so steht fest: für eine Rekonstruktion dieser oder ähnlicher Ereignisse stelle ich mich jederzeit und überall wieder zur Verfügung. Schließlich bin ich Euch nichts Geringeres schuldig als die ganze, nackte Wahrheit.
Euer Robby Knüppel

